Ausgabe Sept. 2010
ONKOLOGIE ASPEKTE



Experten TV
Wenn das Kind zum Zappelphilipp wird
Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an ADHS, dem Aufmerksamkeits- Defizit- Syndrom. Bei eindeutiger Diagnose können Medikamente helfen.; Prof. Dr. med. Fritz Poustka

Kinder mit ADHS sind häufig sehr kontaktfreudig, schaffen es aber nur selten, sich in Gruppen zu integrieren - ein Teufelkreislauf beginnt sich drehen.

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ADHS und Therapie: was passiert in Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom? - oder ADHS - Behandlung bietet Kindern und Eltern Chancen
ADHS, das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, ist heute in vielen Familien eine häufig diskutierte Krankheit. Zahlreiche Studien hinsichtlich der Psychopathologie und der psychosozialen Risiken, die diese Krankheit birgt, führten nach einem langen Weg zu ersten gesicherten Diagnosekriterien für ADHS, die auf Beobachtungen, Gesprächen und psychologischen Tests beruhen.

Es gilt als gesichert, dass es sich bei ADHS um eine genetisch bedingte Funktionsstörung im Gehirn handelt. Betroffen sind vor allem die Bereiche, die übergeordnete Aufgaben der Steuerung und Koordination bei der Verarbeitung von Informationen übernehmen. Neurobiologisch handelt es sich um eine Störung des Gleichgewichts im Neurotransmitterhaushalt, insbesondere des dopaminergen Systems, wobei die Verfügbarkeit des Dopamins im synaptischen Spalt eingeschränkt ist. Zu dem Mangel an Dopamin kommt es durch ein Überangebot des Transporteiweiß, das für den Rücktransport des Dopamins in die sezernierende Nervenzelle verantwortlich ist.

ADHS - Woher hat mein Kind das?
In 70 bis 80% der Fälle wird die Veranlagung zum Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom vererbt. Eltern mit ADHS haben zu ca. 50% Kinder mit ADHS. Die ADHS kann durch Umweltfaktoren modifiziert aber nicht verursacht werden. Die Zahl der betroffenen Kinder ist nicht zuletzt auch aufgrund der verbesserten Diagnostik in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen und liegt zur Zeit bei 500.000 bis 600.000 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen sechs und 18 Jahren. Diese Zahl entspricht einem Prozentsatz von bis zu 6% aller Kinder in Deutschland.


Auffällig ist, daß es sich bei den ADHS-Kindern in zwei Drittel der Fälle um Jungen handelt. ADHS ist eine Krankheit, unter der rund 60% der betroffenen Kinder auch im Erwachsenenalter leiden.

ADHS "wächst" mit
Das Störungsverhalten der betroffenen Kinder zeigen im Laufe deren Altersentwicklung ein komplexes Muster: Es sind auffällig lebendige Kinder, die bereits im Vorschulalter und Kindergarten Probleme in der Gruppe haben. Sie werden nicht mehr eingeladen, weil sie stören. Ihre Impulsivität steht ihnen buchstäblich im Wege. Es herrscht Chaos im Lebensraum, gemeint ist damit nicht nur die strukturelle Unordnung sondern auch die mehr oder weniger schwach ausgeprägte Fähigkeit, psychosoziale Kontakte zu erhalten oder gar zu intensivieren. Dabei fällt es den Betroffenen jedoch meist sehr leicht, neue Kontakte zu knüpfen und sich in den Vordergrund zu spielen.

Nach dem Übergang auf die weiterführende Schule zeigen diese Kinder eine Präferenz chaotischer und aggressionsgeladener Lösungsmöglichkeiten in allen Bereichen. Sie versuchen immer wieder und in allen Situationen auf sich aufmerksam zu machen. Zudem sind sie auf Grund ihrer gestörten Selbsteinschätzung seelisch instabil. Impulsivität paart sich mit dem Hang zur Aggressivität, beschrieben wird auch depressives Verhalten und ein überdurchschnittlicher Hang zu Drogen, Alkohol und Kriminalität. Die letztgenannten Charakterisika sind vor allem durch die schwindenden „normalen“ psychosozialen Kontakte und ein Abgleiten zu kriminellen Gruppierungen zurückzuführen. Fehlender Schulabschluss, fehlende Berufsausbildung und häufiger Arbeitsplatzwechsel sind weitere Zeichen der instabiler Persönlichkeitsstrukturen.

Die Probleme, die nach dem Kindergarten auch in der Schule und später im beruflichen Umfeld weitergehen, stören den Familienfrieden und führen zu einer Zermürbung der Eltern, was sich in einem 3- bis 5-mal höheren Scheidungsrisiko der Eltern niederschlägt.

ADHS und Pubertät - eine explosive Mischung
Kinder und Jugendliche mit aggressiver Symptomatik und einer eventuellen Störung der Impulskontrolle sowie mit fremdgefährdendem Verhalten können mit innovativen Medikamenten so behandelt werden, dass eine normales psychosoziales Verhalten erzielt wird. Stimulantien helfen in 90% aller Fälle. Handelt es sich nach eingehender Diagnostik um ADHS, stellt sich die positive Wirkung bei den Patienten innerhalb von wenigen Stunden ein. In der Folge sind die positiven Veränderungen meist auch innerhalb kurzer Zeit auch im sozialen Umfeld der ADHS-Kinder feststellbar. Vor allem für die Familie sind Auswirkungen gleichbedeutend mit sozialen Frieden, die ein weitestgehend unbeschwertes Leben wieder ermöglichen.

Wer gibt schon gerne zu, dass in seiner Familie jemand zur Psychotherapie geht?
Bis es soweit kommt, kämpfen jedoch die Eltern allzu häufig zunächst einmal gegen das Stigma einer psychotherapeutischen Behandlung. Dies hängt zum einem mit dem Unwissen der Eltern einerseits und dem unterschiedlichen Fortbildungsstand von Neurologen und Psychotherapeuten andererseits zusammen. Um ADHS-Kindern erfolgreich und schnell helfen zu können, ist ein funktionierendes Netzwerk zwischen dem Hausarzt, psychologischen Beratungsstellen, erfahrenen Eltern und neurologischen Ambulanzzentren gefordert.

Medikamente helfen zuverlässig
Und da jede medikamentöse Therapie des ADHS eine individuelle Therapie ist, erhöht ein Drug-Monitoring zwischen Eltern und Ärzten die Wahrscheinlichkeit der optimalen Einstellung der betroffenen Kinder von 6 Wochen.

50 Jahre Forschung und Engagement im Bereich ZNS waren erfolgreich - Gesundheit braucht Zukunftsarbeit
Was gibt es Befriedigenderes für ein forschendes Pharmaunternehmen, wenn Engagement sich lohnt? Im Bereich ZNS wurde in den letzten 50 Jahren viel geforscht und diese Forschung hat über Jahre den Weg aufgezeigt, wie Patienten geholfen werden kann, aber auch, welche Fragen noch offen sind. Dabei wird hier in einem äußerst sensiblen Bereich geforscht. Aus Gründen der Altersstruktur der Bevölkerung werden sich Forscher und Mediziner zunehmend mit Erkrankungen im Bereich ZNS beschäftigen müssen.

Gerade auf dem Gebiet der ZNS-Erkrankungen ist es der Forschung in den letzten Dekaden gelungen, zu zeigen ,dass es sich um therapierbare Krankheiten handelt. Noch vor 30 Jahren stigmatisierte die Diagnose „Schizophrenie“ oder „Epilepsie“ den betroffenen Patienten wie auch sein Umfeld extrem. Man sperrte diese Menschen lieber weg oder half ihnen allenfalls - ungefährdet für sich und andere - den nächsten Anfall zu überleben. Aber an eine ernsthafte Therapie oder gar an eine Heilung wagte keiner zu denken.

Das hat sich geändert. Es wird weiterhin lohnenswert sein, sich in diesem mit Stigmata belegten Therapiegebiet zu engagieren. Die Bevölkerung steht den Auswirkungen psychischer Störungen ja vor allem im akuten Anfall zunächst meist ratlos gegenüber. Es ist gut, zu wissen, dass kontinuierlich neue Forschungsergebnisse zu verbesserten medikamentösen wie psychotherapeutischen Hilfen der Betroffenen und ihren Angehörigen führen. (06/2008 Bre/Wo MEDIZIN ASDPEKTE)

Quelle:
Talkrunde: Chancen trotz ADHS
anläßlich des
CNS Presseevent 2008
26./27.05.2008
Hamburg
Veranstalter: Janssen Cilag GmbH

Teilnehmer der Talkrunde unter der Leitung von Dr. med. Susanne Holst:
  1. Prof. Dr. Andreas Warnke
    Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Julius--Maximilians-Universität Würzburg
  2. Prof. Dr. Fritz Poustka
    Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
    der J. W. Goethe - Universität Frankfurt/Main

  3. Dr. Oliver Bilke
    Berlin




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