Gefäßerkrankungen und Amputationen
Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist eine häufige und schwerwiegende Gefäßerkrankung. Kennzeichnend für das Krankheitsbild ist eine Verengung der arteriellen Gefäße mit der Folge eines Durchblutungsengpasses. Setzt sich ein Blutpfropf fest, kann es zu einem Verschluss des Gefäßes kommen. Die Muskulatur wird dann nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt. Da vor allem die unteren Gliedmaßen von der pAVK betroffen sind, können sich Geschwüre oder Entzündungen am Fuß und an den Beinen entwickeln. Im schlimmsten Fall muss das betroffene Körperteil amputiert werden. In unseren Oktober- und Novemberausgaben haben wir die pAVK bereits näher vorgestellt. Frau DAGMAR GAIL, Gründerin und Vorsitzende der Amputierten-Initiative e.V. gewährte uns zu diesem Thema das folgende Interview:
Ein Großteil unserer Leser ist nicht von Gefäßerkrankungen betroffen. Amputationen haben in ihrem Leben meist keine Rolle gespielt. Bitte geben Sie uns einen Überblick über die Häufigkeit und die Ursachen von Amputationen.
Frau GAIL: Wir haben jährlich etwa 40.000 bis 60.000 Bein- und 10.000 bis 15.000 Armamputationen. Das entspricht der Einwohnerzahl einer ganzen Stadt. Gefäßkranke amputierte Menschen sind damit eine der größten Krankheitsgruppen. (Leider wird diesem Umstand nicht immer die erforderliche Aufmerksamkeit gezollt.) 87 Prozent aller Amputationen sind durch arterielle Durchblutungsstörungen - also die pAVK - verursacht. Die Zahl der gefäßkranken Menschen wird in Deutschland auf vier bis sechs Millionen geschätzt. So gesehen ist das Risikopotential weit höher als man zunächst annehmen mag. Durch Unfälle werden vier Prozent aller Amputationen verursacht. Ebenso hoch ist der Anteil von Amputationen, die durch Infektionen und Tumoren bedingt sind.
Durchblutungsstörungen sind also die Hauptursache für Amputationen. Welches sind die Risikofaktoren, die eine Durchblutungsstörung begünstigen können?
Frau GAIL: Jährlich werden 3,3 Millionen Arterienverschlüsse diagnostiziert. Die meisten dieser Durchblutungsstörungen entwickeln sich auf der Basis eines multifaktoriellen Geschehens. Die familiäre Vorbelastung kann dabei eine Rolle spielen. Hauptursache ist jedoch die Arteriosklerose (Arterienverkalkung). Letztere wird vor allem durch einen zu hohen Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen und die Zuckerkrankheit, den Diabetes mellitus, begünstigt. Durchblutungsstörungen werden aber auch durch erhöhte Harnsäurespiegel im Blut (Gicht) und - wie man seit etwa 1995 weiß - durch hohe Homocysteinwerte begünstigt. Zudem gibt es Medikamente, die ein gewisses Risiko für die Herausbildung von Durchblutungsstörungen in sich bergen.
Im Volksmund ist der Begriff des "Raucherbeins" verbreitet. Erhöht Rauchen das Risiko einer pAVK und vergrößert damit die Amputationsgefahr?
Frau GAIL: Ohne Zweifel ist das Rauchen ein zusätzlicher Risikofaktor für die Herausbildung von Gefäßerkrankungen. Dass Rauchen nicht gesund ist, wissen wir alle. Dennoch halte ich das Wort "Raucherbein" für einen falschen Begriff. Die Arteriosklerose wird durch ein ganzes Ensemble von Faktoren verursacht. Das Rauchen ist nur einer davon. Der Begriff "Raucherbein" diskriminiert den amputierten Menschen und kommt indirekt einer oft nicht gerechtfertigten Schuldzuweisung für sein eigenes Schicksal gleich. Wir haben viele Betroffene, die niemals geraucht haben und dennoch amputiert werden mussten.
Die Amputation ist ein schwerwiegender Eingriff in das Leben des Betroffenen. Sicherlich ist es nicht möglich die psychische Belastung nach einer Amputation mit Worten zu beschreiben. Dennoch möchten wir Sie bitten, die Probleme nach einer Amputation zu bewerten.
Frau GAIL: Bei vielen von uns setzte nach der Amputation der seelische Schock ein - das Verarbeiten des "Endgültigen". Man wagte nicht die Bettdecke aufzuschlagen, um nicht sehen zu müssen, dass das Bein nicht mehr da ist. Es ist ein sehr langwieriger und schmerzhafter Lernprozess bis man das Leben wirklich "neu begreift" und sich mit den Konsequenzen beschäftigen kann. Erst dann stellen sich die Fragen "Wie geht es weiter" und "Was kommt nun auf mich zu". Ein Bündel von Problemen tut sich auf: Wie werden sich partnerschaftliche und familiäre Beziehungen entwickeln? Werden Freundschaften den Belastungen standhalten? Werde ich von der Gesellschaft akzeptiert werden? Wie gestaltet sich meine wirtschaftliche Situation? Selbst die Angehörigen stehen vor einer nahezu unfassbaren Situation. Oft wissen sie nicht, wie sie sich verhalten sollen. Sie sollen sich normal verhalten, ganz normal. Auch wir Amputierte sind normale Menschen geblieben. Wir haben die neue Situation zu verarbeiten und brauchen den normalen Umgang und die Hilfe von anderen Menschen. Viele amputierte Menschen empfinden sich anfangs als minderwertig und verschließen sich oft für lange Zeit. Auf die Frage, wer ihnen nach der Amputation die intensivste Hilfestellung gegeben hat, hört man leider oft die Antwort: Niemand. Amputierte werden noch zu oft allein gelassen.
Sie haben vor fünfzehn Jahren die Amputierten-Initiative e.V. gegründet, um amputierten Menschen den Wiedereinstieg ins Leben zu erleichtern. Was kann Ihre Organisation für den Betroffenen tun?
Frau GAIL: Wir helfen nach der Amputation. Die Mitglieder der Amputierten-Initiative e.V. sind selbst Betroffene. Sie haben den Leidensweg des frisch Amputierten durchlebt und verstehen seine Probleme wie kein "Gesunder" es jemals könnte. Die Beratung beinamputierter Menschen ist die wichtigste Aufgabe unseres gemeinnützigen Vereins. Über 3.000 Beratungen werden jährlich durchgeführt. Wir geben aus eigener Erfahrung Hinweise zur Anfertigung der Prothese, vermitteln bundesweit Orthopädietechniker, informieren über Gehschulungen, helfen bei Kontakten zu Krankenhäusern, Schmerztherapeuten und Psychologen. Zudem unterstützen wir den Amputierten bei seinen Anliegen den Krankenkassen und Sozialdiensten gegenüber. Unser Hauptanliegen gilt jedoch dem Erhalt des zweiten Beines. Weil die Krankheitsursache weiter besteht, ist auch die Gefahr der Amputation des zweiten Beines nicht gebannt. Zudem hat der Amputierte ein sehr viel höheres Risiko für andere Erkrankungen - wie z.B. Herzinfarkt oder Schlaganfall - als die Normalbevölkerung. Die Lebenserwartung kann bei effizienter und rechtzeitiger Behandlung der Gefäßerkrankung deutlich verlängert werden. Deshalb arbeiten wir mit Angiologen (Gefäßspezialisten), Diabetologen und Gefäßchirurgen zusammen.
Wann soll der Betroffene den Kontakt zur Amputierten-Initiative e.V. suchen?
Frau GAIL: Wir wünschen uns, dass der Kontakt noch vor der Amputation hergestellt würde. Die spätere Lebensqualität des Betroffenen hängt in entscheidendem Maße von einem guten Amputationsergebnis ab. Wir können in dieser Hinsicht wichtige Ratschläge geben. In einigen Fällen konnte durch unsere Unterstützung auch eine alternative medizinische Methode vermittelt und die Amputation sogar vermieden werden. Auf jeden Fall sollte der Amputierte unsere Unterstützung in Anspruch nehmen, wenn es um die Anfertigung der Prothese geht. Der frisch Amputierte kann von der Erfahrung unserer Mitglieder profitieren und vermeidet dadurch Fehler bei der Herstellung seiner individuellen Prothese.
Welchen Rat möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?
Frau GAIL: Gesunde Gefäße sind ein hohes Gut. Sie sind eine wichtige Voraussetzung für ein Leben mit zwei intakten Beinen. Jeder Mensch ist nicht nur in diesem Sinne einem gesunden Lebensstil verpflichtet. Dazu gehört vor allem, die erwähnten Risikofaktoren, die zur pAVK führen können, möglichst auszuschließen. Liegt dennoch eine versteckte Gefäßerkrankung vor, muss diese schnell erkannt und wirksam behandelt werden. Nur dann sind Amputationen überhaupt vermeidbar. Jeder Mensch, der Schmerzen im Bein verspürt, sollte daran denken, dass es sich um eine Durchblutungsstörung handeln könnte. Das Anfangsstadium der pAVK spürt man nicht. Ist die schmerzfreie Gehstrecke bereits eingeschränkt, muss dies als höchstes Alarmzeichen gewertet werden. Es liegt bereits das sogenannte FONTAINE-Stadium II vor. Scheuen Sie sich nicht, Ihren Hausarzt aufzusuchen und ihn auf mögliche Durchblutungsstörungen anzusprechen - auch wenn es Ihnen selbst lapidar vorkommt. Es geht um Ihre Gesundheit und Ihre Beine! Die Abklärung der Verdachtsdiagnose ist denkbar einfach. Oft reicht es bereits, den Blutdruck an zwei bestimmten Stellen des Körpers zu messen, um eine pAVK auszuschließen oder die Diagnose zu erhärten. Fordern Sie gegebenenfalls Ihr Recht auf eine wirksame Therapie ein. Lassen Sie sich an einen Gefäßmediziner / Angiologen überweisen. Er kann durch eine rechtzeitig einsetzende medikamentöse Behandlung die Amputation hinauszögern oder sogar gänzlich verhindern. Bei zwei Dritteln aller Patienten können mit dieser Maßnahme die Beine erhalten werden! Gern beantwortet die Amputierten-Initiative e.V., 14129 Berlin, Spanische Allee 158 (Tel.: 030-803 26 75; Fax: 030-80 49 16 35) Ihre Fragen.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Gail!
Dagmar Gail gründete im Jahre 1991 die Amputierten-Initiative e.V.. Sinn und Ziel dieser Institution ist die Wiedereingliederung amputierter Menschen in eine aktive Erlebnis- und Arbeitswelt. Die Amputierten-Initiative e.V. bietet den betroffenen Menschen Unterstützung und Beratung. Sie hat es sich darüber hinaus zur Aufgabe gemacht, durch eine aktive Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit Amputationen möglichst zu vermeiden. Frau Gail ist selbst einen langen Leidensweg gegangen. Im Jahre 1986 zeigten sich plötzlich erste Anzeichen einer Gefäßerkrankung. Erst zwei Jahre später wurde die richtige Diagnose pAVK gestellt. Mehrere Bypass-Operationen konnten die Krankheit nicht aufhalten. Eine Beinamputation war die Folge. Die Gefäßerkrankung schritt zudem weiter fort. Erst sehr spät erfolgte eine medikamentöse Therapie mit Prostaglandin E1. Eine deutliche Verbesserung der Krankheitssymptomatik konnte erzielt werden. Das verbleibende Bein wurde gerettet. Vor allem dieses selbsterlebte Schicksal war es, was Frau Gail zu einer unermüdlichen Fürsprecherin amputierter Menschen werden ließ. Ihr Credo kann in wenigen Sätzen zusammengefasst werden: "Jedes Jahr, jeder Monat den wir mit zwei Beinen zubringen dürfen, ist ein unschätzbarer Segen. Das Bein ist zu kostbar, um nicht alles für seinen Erhalt zu versuchen. Sollte eine Amputation dennoch unumgänglich sein, gilt es alle Kräfte zu bündeln und Wege für ein praktisch neues Leben zu finden. Trotz des schrecklichen Verlustes müssen wir die Situation bejahen und nach vorn schauen".
Bundesverband für Arm- und Beinamputierte
Spanische Allee 140
14129 Berlin
Tel.: 030-803 26 75
Fax.: 030-80 49 16 35
info@amputierten-initiative.de
www.amputierten-initiative.de
Ein Großteil unserer Leser ist nicht von Gefäßerkrankungen betroffen. Amputationen haben in ihrem Leben meist keine Rolle gespielt. Bitte geben Sie uns einen Überblick über die Häufigkeit und die Ursachen von Amputationen.
Frau GAIL: Wir haben jährlich etwa 40.000 bis 60.000 Bein- und 10.000 bis 15.000 Armamputationen. Das entspricht der Einwohnerzahl einer ganzen Stadt. Gefäßkranke amputierte Menschen sind damit eine der größten Krankheitsgruppen. (Leider wird diesem Umstand nicht immer die erforderliche Aufmerksamkeit gezollt.) 87 Prozent aller Amputationen sind durch arterielle Durchblutungsstörungen - also die pAVK - verursacht. Die Zahl der gefäßkranken Menschen wird in Deutschland auf vier bis sechs Millionen geschätzt. So gesehen ist das Risikopotential weit höher als man zunächst annehmen mag. Durch Unfälle werden vier Prozent aller Amputationen verursacht. Ebenso hoch ist der Anteil von Amputationen, die durch Infektionen und Tumoren bedingt sind.
Durchblutungsstörungen sind also die Hauptursache für Amputationen. Welches sind die Risikofaktoren, die eine Durchblutungsstörung begünstigen können?
Frau GAIL: Jährlich werden 3,3 Millionen Arterienverschlüsse diagnostiziert. Die meisten dieser Durchblutungsstörungen entwickeln sich auf der Basis eines multifaktoriellen Geschehens. Die familiäre Vorbelastung kann dabei eine Rolle spielen. Hauptursache ist jedoch die Arteriosklerose (Arterienverkalkung). Letztere wird vor allem durch einen zu hohen Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen und die Zuckerkrankheit, den Diabetes mellitus, begünstigt. Durchblutungsstörungen werden aber auch durch erhöhte Harnsäurespiegel im Blut (Gicht) und - wie man seit etwa 1995 weiß - durch hohe Homocysteinwerte begünstigt. Zudem gibt es Medikamente, die ein gewisses Risiko für die Herausbildung von Durchblutungsstörungen in sich bergen.
Im Volksmund ist der Begriff des "Raucherbeins" verbreitet. Erhöht Rauchen das Risiko einer pAVK und vergrößert damit die Amputationsgefahr?
Frau GAIL: Ohne Zweifel ist das Rauchen ein zusätzlicher Risikofaktor für die Herausbildung von Gefäßerkrankungen. Dass Rauchen nicht gesund ist, wissen wir alle. Dennoch halte ich das Wort "Raucherbein" für einen falschen Begriff. Die Arteriosklerose wird durch ein ganzes Ensemble von Faktoren verursacht. Das Rauchen ist nur einer davon. Der Begriff "Raucherbein" diskriminiert den amputierten Menschen und kommt indirekt einer oft nicht gerechtfertigten Schuldzuweisung für sein eigenes Schicksal gleich. Wir haben viele Betroffene, die niemals geraucht haben und dennoch amputiert werden mussten.
Die Amputation ist ein schwerwiegender Eingriff in das Leben des Betroffenen. Sicherlich ist es nicht möglich die psychische Belastung nach einer Amputation mit Worten zu beschreiben. Dennoch möchten wir Sie bitten, die Probleme nach einer Amputation zu bewerten.
Frau GAIL: Bei vielen von uns setzte nach der Amputation der seelische Schock ein - das Verarbeiten des "Endgültigen". Man wagte nicht die Bettdecke aufzuschlagen, um nicht sehen zu müssen, dass das Bein nicht mehr da ist. Es ist ein sehr langwieriger und schmerzhafter Lernprozess bis man das Leben wirklich "neu begreift" und sich mit den Konsequenzen beschäftigen kann. Erst dann stellen sich die Fragen "Wie geht es weiter" und "Was kommt nun auf mich zu". Ein Bündel von Problemen tut sich auf: Wie werden sich partnerschaftliche und familiäre Beziehungen entwickeln? Werden Freundschaften den Belastungen standhalten? Werde ich von der Gesellschaft akzeptiert werden? Wie gestaltet sich meine wirtschaftliche Situation? Selbst die Angehörigen stehen vor einer nahezu unfassbaren Situation. Oft wissen sie nicht, wie sie sich verhalten sollen. Sie sollen sich normal verhalten, ganz normal. Auch wir Amputierte sind normale Menschen geblieben. Wir haben die neue Situation zu verarbeiten und brauchen den normalen Umgang und die Hilfe von anderen Menschen. Viele amputierte Menschen empfinden sich anfangs als minderwertig und verschließen sich oft für lange Zeit. Auf die Frage, wer ihnen nach der Amputation die intensivste Hilfestellung gegeben hat, hört man leider oft die Antwort: Niemand. Amputierte werden noch zu oft allein gelassen.
Sie haben vor fünfzehn Jahren die Amputierten-Initiative e.V. gegründet, um amputierten Menschen den Wiedereinstieg ins Leben zu erleichtern. Was kann Ihre Organisation für den Betroffenen tun?
Frau GAIL: Wir helfen nach der Amputation. Die Mitglieder der Amputierten-Initiative e.V. sind selbst Betroffene. Sie haben den Leidensweg des frisch Amputierten durchlebt und verstehen seine Probleme wie kein "Gesunder" es jemals könnte. Die Beratung beinamputierter Menschen ist die wichtigste Aufgabe unseres gemeinnützigen Vereins. Über 3.000 Beratungen werden jährlich durchgeführt. Wir geben aus eigener Erfahrung Hinweise zur Anfertigung der Prothese, vermitteln bundesweit Orthopädietechniker, informieren über Gehschulungen, helfen bei Kontakten zu Krankenhäusern, Schmerztherapeuten und Psychologen. Zudem unterstützen wir den Amputierten bei seinen Anliegen den Krankenkassen und Sozialdiensten gegenüber. Unser Hauptanliegen gilt jedoch dem Erhalt des zweiten Beines. Weil die Krankheitsursache weiter besteht, ist auch die Gefahr der Amputation des zweiten Beines nicht gebannt. Zudem hat der Amputierte ein sehr viel höheres Risiko für andere Erkrankungen - wie z.B. Herzinfarkt oder Schlaganfall - als die Normalbevölkerung. Die Lebenserwartung kann bei effizienter und rechtzeitiger Behandlung der Gefäßerkrankung deutlich verlängert werden. Deshalb arbeiten wir mit Angiologen (Gefäßspezialisten), Diabetologen und Gefäßchirurgen zusammen.
Wann soll der Betroffene den Kontakt zur Amputierten-Initiative e.V. suchen?
Frau GAIL: Wir wünschen uns, dass der Kontakt noch vor der Amputation hergestellt würde. Die spätere Lebensqualität des Betroffenen hängt in entscheidendem Maße von einem guten Amputationsergebnis ab. Wir können in dieser Hinsicht wichtige Ratschläge geben. In einigen Fällen konnte durch unsere Unterstützung auch eine alternative medizinische Methode vermittelt und die Amputation sogar vermieden werden. Auf jeden Fall sollte der Amputierte unsere Unterstützung in Anspruch nehmen, wenn es um die Anfertigung der Prothese geht. Der frisch Amputierte kann von der Erfahrung unserer Mitglieder profitieren und vermeidet dadurch Fehler bei der Herstellung seiner individuellen Prothese.
Welchen Rat möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?
Frau GAIL: Gesunde Gefäße sind ein hohes Gut. Sie sind eine wichtige Voraussetzung für ein Leben mit zwei intakten Beinen. Jeder Mensch ist nicht nur in diesem Sinne einem gesunden Lebensstil verpflichtet. Dazu gehört vor allem, die erwähnten Risikofaktoren, die zur pAVK führen können, möglichst auszuschließen. Liegt dennoch eine versteckte Gefäßerkrankung vor, muss diese schnell erkannt und wirksam behandelt werden. Nur dann sind Amputationen überhaupt vermeidbar. Jeder Mensch, der Schmerzen im Bein verspürt, sollte daran denken, dass es sich um eine Durchblutungsstörung handeln könnte. Das Anfangsstadium der pAVK spürt man nicht. Ist die schmerzfreie Gehstrecke bereits eingeschränkt, muss dies als höchstes Alarmzeichen gewertet werden. Es liegt bereits das sogenannte FONTAINE-Stadium II vor. Scheuen Sie sich nicht, Ihren Hausarzt aufzusuchen und ihn auf mögliche Durchblutungsstörungen anzusprechen - auch wenn es Ihnen selbst lapidar vorkommt. Es geht um Ihre Gesundheit und Ihre Beine! Die Abklärung der Verdachtsdiagnose ist denkbar einfach. Oft reicht es bereits, den Blutdruck an zwei bestimmten Stellen des Körpers zu messen, um eine pAVK auszuschließen oder die Diagnose zu erhärten. Fordern Sie gegebenenfalls Ihr Recht auf eine wirksame Therapie ein. Lassen Sie sich an einen Gefäßmediziner / Angiologen überweisen. Er kann durch eine rechtzeitig einsetzende medikamentöse Behandlung die Amputation hinauszögern oder sogar gänzlich verhindern. Bei zwei Dritteln aller Patienten können mit dieser Maßnahme die Beine erhalten werden! Gern beantwortet die Amputierten-Initiative e.V., 14129 Berlin, Spanische Allee 158 (Tel.: 030-803 26 75; Fax: 030-80 49 16 35) Ihre Fragen.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Gail!
Dagmar Gail gründete im Jahre 1991 die Amputierten-Initiative e.V.. Sinn und Ziel dieser Institution ist die Wiedereingliederung amputierter Menschen in eine aktive Erlebnis- und Arbeitswelt. Die Amputierten-Initiative e.V. bietet den betroffenen Menschen Unterstützung und Beratung. Sie hat es sich darüber hinaus zur Aufgabe gemacht, durch eine aktive Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit Amputationen möglichst zu vermeiden. Frau Gail ist selbst einen langen Leidensweg gegangen. Im Jahre 1986 zeigten sich plötzlich erste Anzeichen einer Gefäßerkrankung. Erst zwei Jahre später wurde die richtige Diagnose pAVK gestellt. Mehrere Bypass-Operationen konnten die Krankheit nicht aufhalten. Eine Beinamputation war die Folge. Die Gefäßerkrankung schritt zudem weiter fort. Erst sehr spät erfolgte eine medikamentöse Therapie mit Prostaglandin E1. Eine deutliche Verbesserung der Krankheitssymptomatik konnte erzielt werden. Das verbleibende Bein wurde gerettet. Vor allem dieses selbsterlebte Schicksal war es, was Frau Gail zu einer unermüdlichen Fürsprecherin amputierter Menschen werden ließ. Ihr Credo kann in wenigen Sätzen zusammengefasst werden: "Jedes Jahr, jeder Monat den wir mit zwei Beinen zubringen dürfen, ist ein unschätzbarer Segen. Das Bein ist zu kostbar, um nicht alles für seinen Erhalt zu versuchen. Sollte eine Amputation dennoch unumgänglich sein, gilt es alle Kräfte zu bündeln und Wege für ein praktisch neues Leben zu finden. Trotz des schrecklichen Verlustes müssen wir die Situation bejahen und nach vorn schauen".
Bundesverband für Arm- und Beinamputierte
Spanische Allee 140
14129 Berlin
Tel.: 030-803 26 75
Fax.: 030-80 49 16 35
info@amputierten-initiative.de
www.amputierten-initiative.de

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