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Brain-Training

RUB-Forscher entwickeln "Brain-Training" für Senioren

Auf der Suche nach Möglichkeiten, Alterungsprozesse zu beeinflussen und damit
positiv zu verändern sind die beiden Bochumer Forschergruppen von Associate Prof. Dr. Hubert Dinse (Institut für Neuroinformatik) und Prof. Dr. Martin Tegenthoff (Neurologische Universitätsklinik Bergmannsheil) einen großen Schritt
weitergekommen: Sie konnten erstmals nachweisen, dass altersbedingte
Verschlechterungen des Tastsinnes von älteren Menschen durch geeignete
Stimulationstechniken wieder verbessert und damit rückgängig gemacht werden
können. Die renommierte Zeitschrift "Annals of Neurology" berichtete darüber.

Alltagskompetenz und Tastsinn
Wenn alten Menschen Probleme mit Hemdknöpfen haben, der Schlüssel nicht ins
Schloss will, Schnürsenkel sich nicht mehr binden lassen, ist meist fehlende
Feinmotorik und mangelhafter Tastsinn schuld, der im Alter um bis zu 40 Prozent
nachläßt. "Eine zentrale Frage in der Altersforschung ist, ob die vielen zu
beobachtenden altersbedingten Beeinträchtigungen tatsächlich das Ergebnis von
Degenerations- und Abnutzungserscheinungen sind", erklärt Associate Prof. Dinse.
Wäre dies der Fall, müsste man davon ausgehen, dass sie weitgehend verloren
wären. Es könnte sich aber auch um eine reine Funktionsstörung handeln. In
diesem Fall wären solche Beeinträchtigungen durch geeignetes Training
behandelbar. Um das zu ergründen, führten die Forscher Studien mit 65- bis
89-Jährigen Probanden durch.

Tastfähigkeit des Fingers objektiv messen
Sie maßen zunächst die taktile "2-Punkte-Diskriminationsschwelle". Bei dieser
Methode wird die Fähigkeit von Versuchspersonen gemessen, zwei Punkte auf ihrer
Zeigefingerkuppe räumlich zu unterscheiden. Dazu berührten die Probanden je zwei
Nadeln, die in unterschiedlichen Abständen zueinander montiert waren. Bis zu
einer gewissen Nähe nahmen sie die Spitzen noch als zwei getrennte wahr. Standen
sie jedoch sehr nahe beisammen, wurden sie als nur eine Nadel wahrgenommen. Das
Ergebnis ist die so genannte Unterscheidungsschwelle.

Lernen durch passives Training
Dann absolvierten die Versuchspersonen ein "passives Training": Über mehrere Stunden hinweg wurden ihre Fingerspitzen mittels einer vibrierenden Membran gereizt. Diese kleinen Berührungsreize aktivieren bestimmte Bereiche der Zeigefingerspitze. Die zugrunde liegende Annahme ist, dass, wie der kanadische Psychologie Hebb schon vor 50 Jahren postulierte, Gleichzeitigkeit
(Simultanität) von Sinnesreizen die Art der synaptischen Übertragung zwischen Nervenzellen und damit Lernprozesse verbessert. Da diese "Koaktivierung" mobil über ein kleines tragbares Gerät erfolgte, konnten die Testpersonen während der Trainings normalen Tätigkeiten nachgehen. Das Ergebnis der Koaktivierung deutet tatsächlich darauf hin, dass es sich um eine "maladaptive Plastizität" handelt: Nach dreistündiger Stimulation des Zeigefingers hatte sich die taktile Diskriminationsfähigkeit der älteren Versuchsteilnehmer stark verbessert. So erreichte eine 85-jährige Person eine Tastschwelle, wie sie typischerweise bei 50-jährigen zu finden ist.

Alternatives Interventionskonzept: "Passives Gehirntraining"
"Der entscheidende Vorteil solcher passiver Stimulationsprotokolle ist, dass sie ohne aktives Mitmachen des Teilnehmers und sogar nebenbei ablaufen können, z.B. während der Teilnehmer liest, fernsieht oder spazieren geht", so Prof. Tegenthoff. "Die rein passive Stimulation verspricht neue Therapieansätze, gerade für ältere Menschen oder auch Patienten mit neurologischen Störungen, z. B. nach einem Schlaganfall oder einer Hirnverletzung. Sie können sich oft nicht ausreichend lange auf die erforderlichen Verhaltenstherapien konzentrieren oder selbst aktiv mitmachen". Der passiv orientierte Therapieansatz spart zudem Kosten aufgrund seines geringeren Personalbedarfs.

Wunschbild "Jungbrunnen": Konsequenzen für alternde Gesellschaften
In solchen Therapieansätzen sehen die Forscher einen wichtigen Fortschritt, vor allem angesichts der Alterstruktur industrialisierter Gesellschaften, in denen es immer mehr alte und weniger junge Menschen gibt. Voraussetzung dafür, dass alte Menschen lange selbstständig und allein leben können ist es, die sensomotorischen Fähigkeiten bis ins hohe Alter hinein "fit" zu halten. "Vor dem Hintergrund der demografischen Veränderungen ist ein besseres Verständnis altersbedingter Änderungen, insbesondere des Gehirns, Grundvoraussetzung, um die damit einhergehenden Probleme möglichst vorausschauend angehen zu können", erklärt Dinse. "Ein zentraler Gesichtspunkt ist dabei das, was man heute als 'gesundes Altern' bezeichnet: Dabei steht nicht im Vordergrund, immer älter zu werden, sondern möglichst lange gesund leben zu können."(idw)


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