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Frakturen im Alter

Mehr als nur ein Knochenbruch


In Deutschland wird die Lebenserwartung und somit die Anzahl der alten Menschen in den nächsten Jahren weiter steigen. Zusätzlich gibt es derzeit einen Wandel in den Lebensverhältnissen der Senioren. Sie werden immer mobiler, reisen und treiben Sport. Dabei kommt es zu Unfällen. Neben Unfällen stellen Stürze die häufigste Ursache für Knochen- und Gelenkverletzungen der Generation 60 plus dar. Nach Schätzungen stürzen etwa ein Drittel der über 65-jährigen einmal im Jahr. Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Häufigkeit. Grund dafür: Einige körperliche und geistige Leistungen nehmen im Alter ab - so zum Beispiel das Seh- und das Reaktionsvermögen. Auch Krankheiten erhöhen das Sturzrisiko. "Diese Problematik wird künftig weiter an Bedeutung gewinnen", so Dr. Berthold Heisterkamp, Oberarzt in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Unfallchirurgie im Elisabeth-Krankenhaus Essen. "In der medizinischen Versorgung wird die Alterstraumatologie eine immer größere Rolle spielen. Deshalb ist eine Optimierung von Therapie und Rehabilitation zwingend erforderlich. Dabei ist es wichtig, die besonderen Bedürfnisse und körperlichen Voraussetzungen von alten Menschen im Auge zu haben."


Aufgrund der besonderen biologischen Faktoren kommt es bei älteren Menschen bei Unfällen und Stürzen zu typischen Verletzungen und Knochenbruchformen. Die wichtigsten sind die Oberschenkelhalsfrakturen, handgelenknahe Frakturen des Unterarms, Oberarmkopffrakturen am Schultergürtel sowie Wirbelkörpereinbrüche. Frauen sind davon insgesamt häufiger betroffen als Männer, denn sie leiden öfter an Osteoporose, dem Abbau der Knochenmasse. Bei dieser Erkrankung lassen oft bereits vermeintlich leichte Erschütterungen die Knochen brechen. "Ein bisher weitgehend unbeachtetes Problemfeld machen außerdem so genannte Periprothetische Frakturen aus - also Knochenbrüche dort, wo bereits Prothesen - z.B. an Hüfte oder Kniegelenk - eingesetzt wurden," so Heisterkamp. "Wenn man bedenkt, dass allein in Deutschland jährlich rund 150.000 künstliche Hüftgelenke eingepflanzt werden, ist es offensichtlich, dass zukünftig mit einer dramatischen Zunahme dieser Frakturformen zu rechnen ist."



Gravierender Einschnitt


Knochenbrüche stellen im Leben einer älteren Person immer einen gravierenden Einschnitt dar, denn sie heilen schlechter als bei jungen Menschen und mögliche Komplikationen sind zumeist gefährlicher. Statistiken belegen, dass Frakturen im Alter eine Hauptursache für Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit darstellen. Denn sollte eine solche Verletzung eine längere Bettlägerigkeit nach sich ziehen, wird der Körper enorm geschwächt und die anschließende Mobilisation gestaltet sich schwierig. Eine Bettlägerigkeit im Alter kann sogar lebensgefährliche Folgen haben: Nicht selten kommt es zu Folgeerkrankungen wie Lungenentzündung oder Thrombose. Muss ein Gelenk - beispielsweise das Schultergelenk - aus therapeutischen Gründen ruhig gestellt werden, besteht hier immer die Gefahr einer dauerhaften Bewegungseinschränkung oder einer Versteifung. "Ein besonderes Problem stellen die Wirbelsäulenfrakturen dar, denn nur etwa 30 Prozent werden diagnostiziert. Dabei sind Wirbelkörpereinbrüche häufig mit starken Schmerzen, Verformungen der Wirbelsäule und einer deutlichen Minderung der Lebensqualität verbunden. Außerdem werden durch erste Einbrüche weitere Wirbelkörperfrakturen begünstigt", konstatiert der Essener Chirurg.


Mobil halten


Um eine drohende Pflegebedürftigkeit zu vermeiden ist es das Ziel der Alterstraumatologie, dass der behandelte Patient so rasch wie möglich wieder schmerzfrei und mobil ist. Deshalb werden bei älteren Menschen besondere Operationsverfahren und spezielle Implantate eingesetzt. "Beim Oberschenkel- oder Oberschenkelhalsbruch sollte nach dem Eingriff eine sofortige Belastungsstabilität gewährleistet sein, da eine längere Entlastung des Beins mittels Gehhilfen von den älteren Personen nicht erwartet werden kann", erläutert Heisterkamp. "Marknagelungen und der Einsatz von künstlichen Hüftgelenken bieten Stabilität von Anfang an. Mit ihnen ist außerdem auch bei Osteoporosepatienten eine Vollbelastung vom ersten Tag nach der operativen Behandlung möglich." Auch bei Oberarmkopffrakturen ist das Behandlungskonzept individuell dem Alter und Funktionsanspruch des Patienten anzupassen. Ziel der Behandlung ist das Erhalten einer schmerzfreien Beweglichkeit des Schultergelenkes. Bei etwa 80 Prozent der Frakturen reicht hier eine Ruhigstellung im Schlauchverband für ein bis zwei Wochen aus. Ist der Bruch verschoben, muss operiert werden. Die Fraktur wird mit Drähten, Schrauben oder Platten stabilisiert. Ist durch die Schwere der Verletzung so jedoch keine funktionserhaltende Operation möglich, besteht auch hier die Möglichkeit des Oberarmkopfersatzes durch den Einsatz eines künstlichen Gelenks. Bei einem Bruch des Handgelenks kommt der gipsfreien Behandlung durch Einsatz moderner Implantate und winkelstabiler Plattensysteme ebenfalls eine immer größere Rolle zu. Die Gelenke können sofort wieder bewegt werden, die Gefahr des Versteifens besteht nicht. "Bricht ein Knochen dort, wo zuvor bereits ein künstliches Implantat eingesetzt wurde, wird die Fraktur durch Platten stabilisiert. Sollte sich die Prothese gelockert haben, muss diese ausgetauscht werden", so Heisterkamp. "Für Patienten mit Wirbelkörpereinbrüchen ist die Ballonkyphoplastie eine neue Therapiemethode. Dabei wird der Wirbelkörper mit einem Ballon aufgerichtet und mit Knochenzement stabilisiert. Das sorgt in den meisten Fällen für Schmerzfreiheit und verhindert häufig weitere Einbrüche."


Selbstvertrauen zurückgeben


Allerdings ist es mit der chirurgischen Versorgung allein meistens nicht getan. Patienten im hohen Lebensalter leiden neben ihrer Verletzung häufig auch unter anderen Erkrankungen - beispielsweise Diabetes oder Bluthochdruck - und benötigen in der Klinik daher eine fächerübergreifende Betreuung. Dabei gilt es auch, etwaige Sturzursachen - die z.B. bei Herz-Kreislauf- oder Tumorerkrankungen zu suchen sind - herauszufinden. Da die Osteoporose das höchste Risiko für eine Fraktur im Alter darstellt, ist die Diagnose und Therapie dieser Erkrankung wichtig, um das Risiko weiterer Frakturen zu minimieren.


"Krankengymnasten und Pflegepersonal sind heute angehalten, alte Menschen - auch nach einer Operation - so schnell wie möglich wieder aus dem Bett zu holen und zu mobilisieren. Durch Bewegungsübungen, Muskelaufbautraining und Physikalische Therapien soll das alte Aktivitätsniveau des Patienten baldmöglichst und weitestgehend wieder hergestellt werden. Auch bei vorübergehender Ruhigstellung eines Gelenks ist eine frühfunktionelle Übungsbehandlung wichtig, um ein Einsteifen zu verhindern. "Bei der Mobilisierung muss immer bedacht werden, dass Stürze neben den körperlichen Auswirkungen oft auch psychische Folgen haben: Viele Patienten berichten, dass sie nach einem Sturz Ängste entwickeln und deshalb ihre Aktivitäten reduzieren. Gerade für ältere Menschen ist körperliche Bewegung jedoch ein wichtiger Aspekt der Unabhängigkeit und der eigenen Gesundheit. Deshalb muss versuchen werden, ihnen bei der Mobilisation auch das Selbstvertrauen in die eigene körperliche Leistungsfähigkeit zurückzugeben", so Heisterkamp. "Durch eine solch intensive Nachsorge kann der Aufenthalt im Krankenhaus verkürzt und die Wiedereingliederung in das häusliche Umfeld beschleunigt werden." Vor einer Entlassung ist natürlich mit dem Patienten und seinen Angehörigen abzuklären, ob bei etwaiger veränderter körperlicher Beweglichkeit nach einer Fraktur Veränderungen im häuslichem Umfeld notwendig sind. Denn wenn als Folge eines Sturzes oder Unfalls Behinderungen zurückbleiben, ist evtl. eine Umgestaltung der Wohnung, ambulante Pflege oder auch der Umzug in ein Altenheim ratsam. Um diese Belange kümmern sich die Sozialdienste der Krankenhäuser. Sollte nach dem Klinikaufenthalt eine geriatrische Rehabilitation notwendig sein, organisiert der Sozialdienst auch diese. "Zum Wohl des Patienten ist es sinnvoll, dass bei Stürzen und Unfällen im Alter verschiedene Fachrichtungen in Krankenhäusern, die Physiotherapeuten, der Sozialdienst und auch die anschließenden geriatrischen Rehabilitationseinrichtungen eng zusammen arbeiten", so Heisterkamp. "Die Krankenkassen sollten daher überlegen, ob man für die Alterstraumatologie - ähnlich wie in anderen medizinischen Bereichen - nicht auch eine Integrierte Versorgung, also eine bessere Vernetzung zwischen den einzelnen medizinischen Versorgungssektoren, anbietet."
(EKE)


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